Hölderlin-Nürtingen

Presse: Hölderlinring-Verleihung an Navid Kermani

„Er vermittelt, statt zu polarisieren“

NÜRTINGER ZEITUNG 23.11.2016 | Von Andreas Warausch

Der Schriftsteller Navid Kermani bekam gestern den Hölderlin-Ring verliehen. Zum sechsten Mal verlieh der Verein Hölderlin-Nürtingen gestern in Zusammenarbeit mit der Stadt Nürtingen den Hölderlin-Ring. Der neueste Ringträger ist nun der deutsch-iranische Schriftsteller, Publizist und Orientalist Navid Kermani.

NÜRTINGEN. Ja, mit Navid Kermani reiht sich tatsächlich ein ausgesprochen prominenter Mensch in die Reihe der Ringträger, zu der auch der Schriftsteller Peter Härtling oder der Schauspieler und Theaterintendant Bernhard Hurm gehören. Zuletzt war der hochdekorierte Schriftsteller sogar als möglicher Kandidat in die Diskussion um die Wahl des nächsten Bundespräsidenten eingebracht worden. So habe man gar gehofft, Kermani als künftiges Staatsoberhaupt begrüßen zu können, sagte Oberbürgermeister Otmar Heirich in seiner Begrüßung in der proppenvollen Glashalle nicht ohne Augenzwinkern.

Navid Kermani Hölderlinring

Der deutsch-iranische Schriftsteller, Publizist und Orientalist Navid Kermani (links) bekam gestern den vom Nürtinger Goldschmied Jürgen Gairing (rechts) gestifteten Hölderlin-Ring des Vereins Hölderlin-Nürtingen im Rahmen einer vom Verein zusammen mit der Stadt Nürtingen veranstalteten Feierstunde im Rathaus verliehen. Die Vereinsvorsitzende Ingrid Dolde lobte in ihrer Laudatio Navid Kermanis Verdienste um die Erinnerung an Leben und Werk des Dichters Friedrich Hölderlin. Mehr im Lokalteil. aw/ Foto: Holzwarth

Doch auch so sei Kermani ein Schriftsteller, der weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt sei. Einer, der Stellung bezieht zu politischen und gesellschaftlichen Fragen. Einer, der Respekt für Religionen einfordere. Einer, der sich für einen Dialog der Kulturen einsetze und dabei vermittele, statt zu polarisieren. Deshalb sei er von unschätzbarem Wert für die Gesellschaft, so Heirich.

In ihrer Laudatio erläuterte die Vorsitzende des Vereins Hölderlin-Nürtingen, Ingrid Dolde, die Kriterien der Ringvergabe. Den bekämen Persönlichkeiten, die sich um das Werk und Leben des Dichters, der in Nürtingen aufgewachsen und stets hierhin zurückgekehrt ist, verdient gemacht haben. Persönlichkeiten, die die Erinnerung an Hölderlin wachhalten, sich mit ihm auseinandersetzen.

Kermani hat eben das getan. Zum Beispiel in zwei Publikationen, die ineinander verwoben sind – und in denen Hölderlin nicht nur am Rande vorkomme. Zum einen die Frankfurter Poetikvorlesung 2010 unter dem Titel „Über den Zufall. Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibe“. Darin betrachtet er Werke von Hölderlin und Paul und setzt sich auch im Hinblick auf sein eigenes Schaffen mit dem Erzählen vom Zufall und den Zufälligkeiten des Erzählens auseinander. Zum anderen ist das sein 2011 erschienener Roman „Dein Name“. Darin schreibt er über sein Leben und das Leben überhaupt – und über die Lektüre Pauls und vor allem Hölderlins.

Gut sei ein Gespräch und „zu sagen des Herzens Meinung“, zitierte Dolde Hölderlins „Andenken“. Dazu trage Kermani bei. Auch der Hölderlin-Ring solle dazu beitragen. Gemeinsame Lektüre, Literatur an sich seien identitätsstiftend, erklärte sie, ehe Kermani aus den Händen des Ringstifters und Goldschmieds Jürgen Gairing den zum Typus des Siegelrings gehörenden Ring bekam. Den Ring ziert die Gravur des Hölderlin-Porträts von Hiemer. Und die letzte Zeile aus Höderlins „Andenken“: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“

Etwas groß sei ihm der Ring noch, meinte Kermani lachend. Er müsse noch hineinwachsen. Zumindest geistig habe er sich schon darum bemüht, sagte der Publizist in seinem kurzen, aber prägnanten Dankeswort. Einst seien ihm der hohe Ton in Hölderlins Werken fremd gewesen. Liebe sei da immer mit Kniefällen verbunden gewesen. Normalerweise wolle er auch von der Biografie der Dichter nichts wissen.

Zwischen dichterischen Sphären und banalen Lebensanstrengungen

Bei Hölderlin aber sei das anders gewesen. Die chronologisch eingepflegten biografischen Anmerkungen der Frankfurter Ausgabe hätten ihm geholfen. Der Dichter habe sich, während er intellektuell in höchsten Sphären weilte, mit banalen Lebensanstrengungen abgeben müssen, um zu überleben. Da war die Geldnot. Die „elende Liebe“, beinahe stets unglücklich. So habe sich ihm gezeigt: Alles was bei Hölderlin hoch schien, war verbunden mit dem realen Leben und Lieben, war geerdet, wie er zum Beispiel auch mit Nürtingen verbunden gewesen sei.

Nach dieser Einsicht habe er, Kermani, den Rückgriff auf die Biografie nicht mehr gebraucht. Es habe Arbeit und Hilfe bedurft. Doch trage man Hölderlin stets auf den Lippen, werde man von ihm, seinem Werk, begleitet. Kermani: „Da geht eine Tür auf.“

So könne man auch sein Lieblingszitat Hölderlins verstehen: „Ach! und die Seele kann immer so voll Sehnens sein, bei dem, daß sie so mutlos ist!“, heißt es im „Hyperion“. Das hoffende Sehnen auf der einen Seite, die Mutlosigkeit auf der anderen. Das gelte bei der Liebe, im Alltag, aber auch in der Politik: Mutlos seien manche, angesichts Trump oder Brexit und dem Gefühl, die Welt gerate aus den Fugen. Dabei könne man im Zitat die Betonung eben auf „Sehnen“ statt auf „mutlos“ legen. Dann stifte uns der Dichter zu positivem Denken an. Und so verabschiedete sich Kermani von den begeisterten Nürtingern mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen ein Leben mit Hölderlin!“

Solch ein Leben scheinen einige Schüler des Hölderlin-Gymnasiums indes schon zu führen. Ganz wunderbar nämlich umrahmten Teilnehmer der Schreibwerkstatt von Annette Adams mit Texten Hölderlins und des Musik-Neigungskurses unter der Leitung von Florian Eisentraut die eindrucksvolle Feierstunde. Musik von Händel und Purcell erklang, ehe Heiner Kondschaks Vertonung von Hölderlins „An Neuffer“ der Feier sozusagen ihren Soundtrack gab.

Navid Kermani, zur Person:

Navid Kermani, geboren am 27. November 1967 in Siegen als Sohn iranischer Eltern, die 1959 nach Deutschland eingewandert waren, ist ein Schriftsteller, Publizist und habilitierter Orientalist. Er wurde mit zahlreichen renommierten Kultur- und Literaturpreisen ausgezeichnet. 2015 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In den Themen seiner literarischen Arbeit kreist Kermani um menschliche Grenzerfahrungen angesichts des Todes, im Alltag, der Erfahrung der Musik oder der Sexualität. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in der Koranästhetik und der islamischen Mystik. Kermani ist auch als Reporter aus den Krisengebieten der Welt bekannt geworden, so berichtete er unter anderem 2014 für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ aus dem Irak und reiste 2015 mit Flüchtlingen auf deren Route in umgekehrter Richtung von Budapest in die Türkei. Am 23. Mai 2014 hielt Navid Kermani die Festrede anlässlich der Feierstunde des Deutschen Bundestags zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes. Auch für die Wahl des deutschen Bundespräsidenten 2017 war er als möglicher Kandidat im Gespräch. (Quelle: Wikipedia)

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